Über 4 Monate in Kolumbien

Kleine Bilanz

Die Zeit Sie scheint zu verfliegen. Was für ein Ausdruck. Zeit ist doch immer gleich viel da. Es ist die Frage wie wir sie erleben. Ich erlebe eine intensive Zeit, reich an neuen Erfahrungen, Erlebnissen und Eindrücken, lerne viel dazu, lerne mich besser kennen, lerne Menschen kennen, die Kultur und wie das Leben hier gelebt wird. Es ist so, wie ich schon bei der Planung meines Umzuges nach Kolumbien gedacht habe: es ist vor allem eine Reise zu mir selbst. Mit Höhen und Tiefen. Glücklichen und weniger glücklichen Momenten. Und mit einem neuen Alltag, den ich mir frei gestalten kann, da ich viel unverplante Zeit habe. Hierfür bin ich dankbar.

Krieg Dieser Krieg in der Ukraine nimmt mich sehr mit und ich fürchte mich vor einer noch größeren Eskalation. Er ist so sinnlos, bringt Tod und Leid. Er ist auch hier Thema und macht die Menschen betroffen. Ich spüre meine Ohnmacht. Was kann ich tun? Ich habe Geld für die Flüchtlingshilfe gespendet. Und ich habe beschlossen, mein Leben trotzdem weiter zu genießen, gut für mich zu sorgen und weiterhin liebevolle, friedvolle Beziehungen zu gestalten und zu pflegen.

Das Zusammenleben in der 50qm-kleinen Wohnung zu zweit ist schön und bereichernd. Ich bin ja auch deshalb hierhergezogen, weil ich zu Beginn der Pandemiezeit in Deutschland gemerkt habe, dass ich nicht mehr allein leben möchte. Wir haben die Wohnung schön weiß gestrichen, Türen einbauen lassen und ich habe mein kleines Zimmer schön eingerichtet. Und es ist auch herausfordernd, weil ich mich an die hiesigen Gegebenheiten erst anpassen musste und das Zusammenleben so manche Absprachen verlangt. Da werde ich mit meinen Eigenarten und Gewohnheiten aus jahrzehntelangem Alleinleben ganz schön konfrontiert. Auch sprachlich bin ich sehr gefordert und so manches Missverständnis galt es schon zu klären. Es lebe die Kommunikation! Ich gönne mir immer wieder Auszeiten auf dem Land im schönen Jardin, über die ich an anderer Stelle schon geschrieben habe.

Der Straßenverkehr Der Verkehr ist chaotisch und laut, als Fussgänger*in wird man selbst an den Zebrastreifen nicht beachtet. Motorräder schlängeln sich durch die Autoschlangen, überholen rechts und links auf halsbrecherische Weise. Die Busse rasen knatternd durch die Straßen, alle scheinen es eilig zu haben. Sie halten in der Stadt auf Zuruf oder Zuwinken dort, wo man ein- bzw. aussteigen möchte. Das finde ich wunderbar. Und ein paar feste Haltestellen gibt es auch. Eine Ansage im Bus, wie diese heißen, gibt es jedoch nicht. Beeindruckend sind die riesigen, lauten, furchteinflößenden Lastwagen, die über die Straßen brettern.

Freundliche Begegnungen Zwangsläufig muss ich, wenn ich alleine unterwegs bin, oft fragen und um Orientierungshilfe bitten. So manches Mal ergeben sich daraus schöne Gespräche. Mir wird dabei häufig viel Wertschätzung geschenkt, ich werde in Kolumbien willkommen geheißen. Das berührt mich immer wieder sehr. Wir Deutschen haben hier einen guten Ruf.

Freundliche Menschen Die meisten Menschen grüßen den Busfahrer beim Einsteigen und bedanken sich. Auch beim Aussteigen fehlt selten das gracias = danke. Das gefällt mir sehr. In den Berliner Bussen habe ich das danke selten gehört. Das ist schade. Denn ein Danke ist doch, genau wie ein Lächeln eine so schöne Geste und stellt eine wunderbare Verbindung zwischen Menschen her.

So viel Herzenswärme

Wohltuende Alltagsbegegnungen mit fremden Menschen

Die Menschen in Antioquia, der Region um Medellín, sind so freundlich, dass mir immer wieder das Herz aufgeht und ich mich daran erinnere, warum ich genau in dieser Gegend hier in Kolumbien lebe. Es ist so leicht ins Gespräch zu kommen und ich bin froh, dass ich gut spanisch spreche und mein Spanisch nicht zuletzt durch die Kontaktfreudigkeit der Menschen hier immer noch besser wird. Zwei Begegnungen:

  1. Spaziergang durch ein Viertel am Hang Neulich war ich in einer vereda, einem Viertel außerhalb des Ortes, alleine spazieren. Es kostete mich ein wenig Mut, alleine durch die sehr engen, steilen, verwinkelten Gassen zu gehen. Über die grob gehauenen, unebenen Betontreppen ohne Geländer stolperte ich hinunter. Die Häuser sind in den Hang gebaut, Straßen für Autos gibt es an der Stelle nicht. Zwangsläufig komme ich dicht an den sehr einfachen Häusern vorbei. Ich fühlte mich etwas als Eindringling. Da mich jedoch fast alle Menschen freundlich grüßten und mir noch einen guten Tag und Gottes Segen wünschten, ging ich voller Vertrauen weiter. Auf einer kleinen Terrasse grüßte mich ein Ehepaar, Diana und Guillermo, besonders freundlich. Ich bewunderte ihre knallrote Hauswand und wir kamen ins Gespräch und verabredeten, dass ich an ihrer Tür klopfe, wenn ich wieder hier vorbeikomme. Dies tat ich einige Wochen später, wurde aufs Herzlichste begrüßt und hocherfreut ins Haus gebeten. Diana schickte eilig einen Jungen zum Lädchen an der Ecke, damit er Joghurt und Kekse für mich kaufen solle. Die Begegnung war so herzlich, so freundlich. Diana erzählte mir, dass sie gute tamales kocht und verkauft. Das ist eine hiesige Spezialität. Gemüse und verschiedene Fleischsorten werden in Banananblätter eingewickelt gedünstet. Sie will mich mal zum Essen einladen und mit mir in den Bergen wandern. Ich bin gespannt, wie der Kontakt weitergeht.
  2. Im Bus ins Zentrum von Medellín. Ich stieg alleine in den Bus ins Zentrum von Medellín. Ziel war eine Art Baumarkt. Haltestellen gibt es kaum und wenn, dann sind sie meist namenlos. Ansagen oder Anzeigen, wo der Bus hält gibt es gar nicht. Der Bus hält, wo man aus- bzw. einsteigen möchte. Das ist sehr bequem und freundlich, wenn man weiß, wo man aussteigen muss, um zu seinem Ziel zu kommen. Das ist immer wieder aufregend und zwangsläufig muss man andere Fahrgäste oder den Busfahrer fragen. Ich habe hier tatsächlich erst sehr wenige Busfahrerinnen erlebt. Eine Frau saß bei besagter Fahrt im Bus neben mir. Ihr Mann bat den Busfahrer sie an der Puente 4 sur rauszulassen. Ich vergewisserte mich bei ihr, wo sie aussteigen wollen und erfuhr, dass wir tatsächlich dasselbe Ziel hatten und schon waren wir im angeregten Gespräch und lernten uns kennen. Die 40 minütige Fahrt verging wie im Flug. Wir tauschten Telefonnummern aus und ich bin gespannt, ob wir uns wiedersehen.

Den Deutschen wird hier, wie allen Ausländer*innen sehr viel Wertschätzung, Interesse und Offenheit entgegengebracht. Mich freut und wundert das zugleich und manchmal ist es mir fast zu viel des Guten. Viele äußern auch eine Bewunderung für Deutschland. Bewundert wird der Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg, die Schaffermentalität, der Wohlstand und die Exportstärke. Ich bin immer wieder erstaunt, dass viele Menschen hier etwas über die deutsche Geschichte wissen.

Die wenigsten Häuser sind verputzt
Es geht echt steil hinauf

Ausflug aufs Land nach Jardin

Blick auf die garucha und das schöne Dorf Jardin, 4 Busstunden von Medellín entfernt. Das ist eine antike Gondel, die einen vom Dorf auf die Höhe und zurück transportiert.
Die Gondel aus Metall, früher war sie ganz aus Holz, innen mit 2 Holzbänken.Sie fährt,wenn genug Menschen mitfahren, Fahrplan gibt’s nicht. Um 19 Uhr ist die letzte Fahrt,im Stockdunkeln rast sie unbeleuchtet mit Geklapper hinunter wie ins Nichts.
Kurzes Video von der Talfahrt

Natur pur

100 verschiedene Grüntöne. Faszinierend! Kein Wunder, denn es regnet täglich oft mehrmals. Meist ist es dabei mildwarm, um die 18-22grad, manchmal aber auch richtig kühl, so dass ich mit dickem Pullover und Wollsocken unterwegs bin. Wenn die Sonne rauskommt,was glücklicherweise auch fast täglich vorkommt,ist es richtig heiß, mit Sonnenbrandgefahr, auf 1700m Höhe sticht die Sonne ganz schön. Und beim Wandern bergauf bergab in teils noch höheren Lagen komme ich so richtig ins Schnaufen.

Heute

Heute bin ich dankbar, dass ich hier in dieser schönen Gegend sein kann. Dankbar, dass ich mir das leisten kann und erlaube.

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Beim Optiker in Medellín

Neue Brillengläser für mehr Durchblick

Vom vielen PC- und Smartphonegucken oder alters- oder genetisch bedingt hat sich meine Sehfähigkeit verschlechtert. Seit Monaten schon schob ich einen Besuch im Optikerladen vor mir her und nahm mir vor in Medellín zu Olgas Optiker ihres Vertrauens zu gehen, von dem sie mir vorgeschwärmt hat. Sie begleitete mich, worüber ich aus drei Gründen wirklich froh war.

  1. Verwirrende Adressangaben. Adressen zu finden ist echt kompliziert in Kolumbien, erst recht in den Großstädten. Medellín ist mit ca. 3,5 Mill. Menschen die zweitgrößte Stadt Kolumbiens. Selbst Taxifahrer*innen haben oft Mühe Adressen zu finden, trotz Navigationsgerät. Es gibt hier kaum Straßennamen.Die Straßen haben Nummern und Buchstaben. Und es gibt calles=Straßen und carreras=Straßen und diagonales=diagonale Straßen und transversales=???, also ich habe da noch nie durchgeblickt.
  2. Ohrenbetäubender Lärm. Das Optikergeschäft liegt an einer sehr befahrenen Straße und ist bei diesem schönen Dauersommerwetter zu dieser hin komplett offen. Das ist gut, um die Coronaansteckungsgefahr zu minimieren. Da aber Autos, Busse, Lastwagen, Motorräder vorbeidonnern, konnte ich bei der Aufnahme meines Anliegens und meiner Daten kaum ein Wort verstehen. Und mit Maske ist es ohnehin schwierig für mich etwas zu verstehen.
  3. Wiedersehen macht Freude. Der Optiker freute sich sehr Olga wiederzusehen. Und ich fühlte mich schnell auch ganz wohl und war voller Vertrauen in seine Kompetenz. Zu zweit macht das einfach auch mehr Spaß und hinterher waren wir lecker essen.

Die Augenuntersuchung und der Sehtest erfolgten glücklicherweise im ruhigeren hinteren Teil des Ladens, so dass ich mich selbst verständigen konnte. Diese Unabhängigkeit von anderen ist mir wichtig merke ich immer wieder… Anders betrachtet: Ich darf lernen, dass ich Hilfe annehmen darf ohne mich klein und abhängig zu fühlen. Von der Technik war ich beeindruckt und bin sehr gespannt auf meine neuen Brillen, eine davon ist speziell für die Arbeit am PC. Beide werden in meine bisherigen Brillengestelle montiert. Ein Hoch auf die Gewohnheit und die Leichtigkeit meiner Gestelle. Das Ganze kostet hier viel weniger als in Deutschland. Mal sehen, wie ich damit zurechtkomme.

Handwerker im Haus

Einfach anders

Neulich hatten wir einen Handwerker, Don Ramòn, in unserer Wohnung. Er hat einen von ihm vor Wochen eingebauten neuen Wasserhahn, der nicht dicht war, ausgewechselt und einen neuen eingebaut. Vier mal war hierfür ein Termin ausgemacht worden, vier mal kam er nicht. Dann endlich hat es geklappt. Hurra! Es war wirklich interessant: Er fragte Olga, mit der ich hier wohne und die diese Unzuverlässigkeit ganz gelassen hinnahm, mehrmals um Schraubenschlüssel, da er keine passenden dabei hatte. Glücklicherweise ist sie mit Werkzeug gut ausgestattet, ansonsten hätte sich das alles noch mehr in die Länge gezogen. Ich wunderte mich und dachte dann bei mir, o.k., so geht es auch.

Noch mehr Verwunderung

Meine Verwunderung ging noch weiter, als er Maß genommen hat für zwei Türen, die wir einbauen lassen wollen: Er diktierte Olga die Maße und bat sie, dass sie ihm diese per whatsapp zusenden solle, genauso wie die Fotos der Badezimmertür als Türmuster und die Stellen, an denen die Türen angebracht werden sollen. Don Ramón verabschiedete sich schließlich und sagte er werde einen Tischler beauftragen, der dann selbst noch vor Ort Maß nehme. Das erscheint mir sehr sinnvoll. Mal sehen, wann dieser sich meldet und dann auch kommt. Auf Olgas Nachfrage, ob denn die whatsapp-Nachrichten angekommen seien, bejahte er diese und teilte mit, er sei jetzt auf der Suche nach günstigen Türen. Diese zu finden sei gar nicht so einfach. Mal sehen, wann es weiter geht und wir Räume mit Türen haben werden. Was gut tut: Tief durchatmen und gelassen bleiben.

Diese Situationen habe ich einer kolumbianischen Freundin erzählt. Sie hat herzhaft gelacht und sich köstlich amüsiert. Was auch gut tut: Humor!

El año nuevo – das Neue Jahr

Ich wünsche Dir ein Neues Jahr voller Glück, Gesundheit und Gelassenheit, sympathische 3 G fällt mir da gerade auf ; )) Und: Viel Liebe und inneren und äußeren Frieden!

Liebe und Frieden wünschen sich die Menschen hier in Kolumbien oft, nicht nur zum Neuen Jahr. Möglicherweise liegt der Wunsch nach Frieden daran, dass es hier seit Jahrzehnten kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Guerillagruppen, Paramilitärs, Mafia, Kriminellen gibt, mit vielen Opfern, Traumatisierten, Vertriebenen, Millionen von Binnenflüchtlingen und die meisten Menschen sehnen sich sicherlich nach Frieden und Sicherheit. Die Ungleichheit zwischen wenigen Reichen und vielen armen Menschen ist krass, die Armut groß. Das ist täglich sichtbar, wenn man mit offnen Augen durch die Straßen geht. Und ständig muss man an die Sicherheit denken und wie und mit wem man sich v.a. nachts draußen sicher bewegt. Wie es mir damit geht und wie ich damit versuche umzugehen, darüber werde ich einen eigenen Artikel schreiben. Zurück zu den guten Wünschen: Wer sehnt sich nicht nach Liebe? Liebe zu anderen Menschen, Liebe zu sich selbst, Liebe zur Natur, zu dem Schönen, zu dem was das eigene Leben lebenswert macht… El año nuevo, bei uns Silvester, wird mit Böllern, ausgelassenen fiestas, familiären Zusammenkünften privat, in Bars, Restaurants und auch auf den Straßen gefeiert. Es wird getanzt, sehr laut Musik gehört und teils exzessiv Alkohol getrunken. Am 1.1. bin ich am frühen Abend (um 18.30 Uhr wird es hier schnell dunkel) durch den Ort gegangen und war sehr erstaunt über die Atmosphäre in den Straßen im Zentrum: Aus den vielen Bars, Cafés und Restaurants schallte ohrenbetäubend laute spanische Musik aus riesigen Boxen, die Menschen unterhielten sich laut und temperamentvoll, viele sangen die Texte voller Inbrunst mit. Es waren bei lauem Sommerwetter viele Menschen unterwegs, flanierten durch die Gassen, grüßten einander. Mir war das laute Treiben schnell zu viel und ich war froh, dass es in unserem Wohnblock etwas entfernt vom Ortszentrum relativ ruhig war. Es wummert auch hier oft laute Musik aus der Nachbarschaft, so dass ich tief durchatmen muss und, wenn die Musik mir nicht gefällt, zu meinen Ohrstöpseln greife. Was für eine lautstarke Feierkultur. Je lauter desto Lebensfreude, so scheint es. Den Moment leben, feiern, ausgelassen sein, nach dem Motto wer weiß was morgen ist… Das Hier und Jetzt, das Zusammensein und das Leben ausgelassen feiernd. Irgendwie ist das auch beeindruckend.

Nachts leuchteten in diesen Tagen immer wieder globos am Himmel, das sind Ballons, die mit Feuer betrieben werden und hoch hinaufsteigen. Einmal sahen wir 80 – 100 am Himmel. Es sah phantastisch aus. Wir hofften sehr, dass nichts passiert, dass alle irgendwann in der Luft verbrennen und kein Feuer gelegt wird.

Geselliges Kochen über offenem Feuer

Am Neujahrstag machen die Menschen auf den Straßen vor ihren Häusern in riesigen Töpfen über Holzfeuer Sancocho. Das ist ein Eintopf, der, über Holzfeuer gekocht, besonders gut schmeckt. Diese Zutaten werden lange miteinander gekocht: Kartoffeln, Kochbananen, Hähnchenfleich, Rindfleisch, Koriander, Zwiebeln, Jukka. Dazu wird Reis, Avocado und Salat gegessen. Lecker!

Eindrücke aus Medellín und Umgebung

Schnelle, spontane Fotos, unbemerkt aufgenommen.

Obst – und Gemüseladen
Ein Weihnachten für alle
Ein Kindergarten
Es gibt Zebrastreifen – doch nur selten halten Autos…Als Fußgänger*in muss man aufpassen wie ein Luchs

Blick aus dem Taxi

Faszinierende elektrische Installationen
Es ist sehr bergig, bis ca. 60 Grad Steigung bzw. Gefälle
Blick aus dem Auto
Die ebenerdigen Fenster sind fast immer vergittert…das gibt Sicherheit

Weihnachten in Kolumbien

Bereits Anfang Dezember beginnt hier la epoca de navidad,die Weihnachtszeit. Überall sind Straßen und Plätze mit bunten Weihnachtsfiguren geschmückt. Nachts funkeln und blinken Lichter überall. Kaum ein Balkon, eine Tür oder ein Fenster ist nicht geschmückt mit Weihnachtsschmuck,Kränzen, Schleifen,Kugeln, Lichterketten in allen Farben. Es erinnert mich an Discolichter und ist für meinen Geschmack viel zu viel Geflimmer überall. Eine Freundin von mir würde sagen das produziert Augenkrebs ; )) Dieses Jahr sind es wohl besonders viele Lichter. Letztes Jahr an den Weihnachtstagen war pandemiebedingt komplette Ausgangssperre und die Beleuchtung war an vielen Orten nicht angebracht worden. Weihnachten wird in ausgelassenen fiestas gefeiert,mit ohrenbetäubend lauter kolumbianischer Musik,Tanz, viel Essen und viel Alkohol. Es gibt viele Böllerschüsse. Und am 7.12., dem Tag des Lichtes, an dem einer Heiligen gedacht wird, werden Kerzen angezündet, draußen vor den Türen oder auf den Balkonen. Die Menschen treffen sich gerne draußen. Musik schallt aus allen Richtungen. Dezember ist hier in und um Medellín die wärmste Jahreszeit,schön sommerwarm, tagsüber bis 28grad, nachts kühlt es etwas ab.

Gelassenheit, die beeindruckt

Trauerfeier auf dem Land

Vor einigenTagen war ich auf dem Land in einem kleinen Dorf, eineinhalb Stunden von Medellín entfernt, bei einer Trauerfeier. Die Mutter einer sehr guten Freundin meiner Freundin Olga war gestorben. Sie wurde 84 Jahre alt, war lange Zeit schon an Alzheimer erkrankt und wurde zu Hause gepflegt und palliativmedizinisch betreut. Palliative Versorgung zu Hause ist hier eine Seltenheit, habe ich erfahren. Es gibt anscheinend nur 3 Palliativärzte, die Hausbesuche machen in dieser 3,5 Millionenmetropole Medellín. Zur Trauerfeier: In der riesigen Kirche versammelten sich etwa 90 Menschen, teils in schwarz gekleidet, teils in weiß, das sind die Trauerfarben hier. Viele Menschen waren in normaler Alltagskleidung angezogen. Es war eine katholische Messe für die Verstorbene. Obwohl ich ganz gut spanisch kann, habe ich wenig verstanden. Der Priester sprach mit Mikrofon und es hallte ungeheuerlich. Als ein Gitarist mit Verstärker spielte und sang hätte ich mir fast die Ohren zugehalten, so laut war es.

Skurile Urnenbeisetzung

So, und jetzt kommt der Teil, der mich besonders beeindruckt hat: Nach der Messe war die Urnenbeisetzung in der Krypta, die in einem Seitenflügel der Kirche ist. Die Familie und enge Freund*innen, zu denen ich mich zählen durfte, bewegten sich zu dem schmiedeeisernen Tor zur Krypta hin. Eine größere Gruppe stand vor dem Tor und wartete, die älteren, etwas gebrechlichen Frauen konnten kaum mehr stehen. Ich wusste erst gar nicht was los war. Schließlich war klar: Das Tor war verschlossen und keiner hatte den Schlüssel. Zwar war alles am Vortag von der Tochter mit dem Beerdigungsinstitut abgesprochen worden, aber die Tür war zu. Schließlich wurde ein Mensch mit Schlüssel aufgetrieben, der im Jogginganzug missmutig das Tor öffnete. Was dann kam, war wie in einem Film mit viel schwarzem Humor. Die Kachel vor dem Einschubfach wurde abgeschraubt und ein sichtlich alter, verstaubter, länglicher Kasten, in dem die Urne ihre Ruhestätte findet, herausgeholt. Der eingeschobene Deckel musste jedoch erst noch abgemacht werden, doch er klemmte. Der Mann in Joggingklamotten hatte hierfür nur einen Schraubenzieher bei sich. Es war ein Herumprobieren, Klopfen, Ziehen und Zerren. Zwei Männer knieten am Boden und gaben ihr Bestes. Und die Umstehenden waren zunächst betroffen, dann kamen zahlreiche Ratschläge, wie es gehen könnte und dezentes Kopfschütteln. Schließlich war der Deckel ab. Aber: Die Urne passte nicht hinein. Der Kasten war voll mit den Gebeinen der Eltern der Verstorbenen. Diese wurden, so habe ich später erfahren, vor vielen Jahrzehnten im Sarg beigesetzt und ihre Knochenreste vor einigen Jahren in das Urnenfach umgesetzt. Diese nahmen jedoch so viel Platz ein, dass die aktuelle Urne nicht mehr hineinpasste. Also musste die Urne geöffnet und der Beutel mit der Asche so in den Kasten gelegt werden. Eine Anwesende machte eine skurile Bemerkung: Nur gut, dass Maria, die Verstorbene, so dünn war, so dass es nur ein relativ kleiner Beutel mit Asche ist. Dieser wurde schließlich in den Kasten gestopft, der Deckel zugemacht, der Kasten in den Einschub bugsiert und die Kachel wieder davor geschraubt – mit einer Schraube, die drei anderen fehlten. Wir hofften alle, dass das hält. Es war eine solch bizarre Situation. Ich hätte loslachen und gleichzeitig losweinen können; ich war betroffen und entsetzt und empfand diese Urnenbeisetzung recht würdelos und unorganisiert. Der Priester war auch gar nicht mitgekommen. Es ging offensichtlich nur darum, die Urne zu verstauen und fertig. Alle nahmen das Geschehen ganz gelassen hin. Schließlich gingen wir alle hinaus und es gab Kaffee in einem Restaurant neben der Kirche. Leichenschmaus gibt es hier also auch, allerdings ohne Alkohol. Das Geschehene war überhaupt kein Gesprächsthema. Ich war hierüber ganz irritiert und fragte nach, wie die anderen das Szenario in der Krypta erlebten. Es kam gelassenes Schulterzucken. Das sei eben hier so. Und es nütze doch nichts, sich aufzuregen. Das würde doch nichts ändern. Was solle man machen, hieß es, hier sei eben Vieles unorganisiert, chaotisch. Aber es hätte dann doch alles geklappt. Ich erntete Verwunderung über mein Erstaunen und mein kaum zu verbergendes Entsetzen. Und ich bemerkte, wie deutsch ich doch bin und wie anders hier Vieles ist. Da prallen Welten aufeinander. Ich bin nachhaltig beeindruckt und freue mich über das Mitendrindabeisein. Mal sehen, ob ich hier mit der Zeit auch soo gelassen werde.

Selbstreflexion: Beobachten ohne zu werten

Beim erneuten Durchlesen der ersten Textversion des vorangegangenen Textes fiel mir auf, nein, habe ich mich dabei ertappt, wie ich die oben geschilderte Situation sehr negativ bewertet habe. Daraufhin habe ich den Tet überarbeitet und von meinen Eindrücken gesprochen. Ich nehme mir vor, weiterhin achtsamer mit der Bewertung von Situationen umzugehen oder diese möglichst ganz zu vermeiden. Es ist hier einfach Vieles anders, als ich es kenne. Punkt. Und die Menschen gehen mit Situationen anders um. Das ist spannend zu erleben. In meinen Workshops sage ich das oft: Versucht mal die Bewertung rauszunehmen und hinterfragt das Verhalten von anderen lieber. Eine charmante Möglichkeit seine Iritation oder Ärger über das Verhalten einer anderen Person auszudrücken ist diese Aussage: Ich wundere mich, dass Du das so gemacht hast. Auf diese Art vermeide ich eine vorwurfsvolle Haltung und kann Verletzungen oder Rechtfertigungsarien bei meinem Gegenüber verbeugen.

Oder, wie siehst Du das? Schreib mir gerne einen Kommentar.