Drei Monate in Berlin

Was mich in Deutschland am meisten beeindruckt hat

Nach 8 Monaten in Kolumbien lebend war ich gerade für fast drei Monate in Deutschland, überwiegend in Berlin, im schönen Seengebiet am Rande der Mecklenburger Seenplatte, in Stuttgart und Sindelfingen, wo ich aufgewachsen bin und immer weg wollte. Meiner Herzensfreundin Olga habe ich mein Heimatland gezeigt, wir haben Freund*innen und Familie besucht und die kuturellen, gesellschaftlichen und politischen Unterschiede zwischen Kolumbien und Deutschland bestaunt. Und dann habe ich 7 Wochen lang 3-4 Seminartage pro Woche geleitet. Das war wunderbar, erfüllend, die Resonaz der Teilnehmer*innen war sehr gut und es war auch ganz schön anstrengend. Mit zunehmendem Alter brauche ich einfach mehr Erholzeit ; )) Kennst Du das auch?

Am meisten beeindruckt hat mich die Ruhe in den Berliner Kiezen und wie entspannt man dort Tag und Nacht unterwegs sein kann. Ja, nun denkst Du vielleicht: was? Berlin ist doch eine riesige, turbulente Stadt mit so viel Lärm, Verkehr, so vielen Menschen auf engem Raum. Es ist doch anstrengend dort unterwegs zu sein. Genau so war meine Wahrnehmung in den 11 Jahren, die ich hier gelebt habe, auch. In der Kleinstadt Caldas und im nahe gelegenen Medellín in Kolumbien, wo ich vor 11 Monaten hingezogen bin, ist es dagegen fast überall laut, voll, hektisch, Musik schallt aus allen Richtungen, Waren werden mit Megafon feil geboten, so dass ich mir fast die Ohren zuhalten muss und nur weg will. Und man ist stets wachsam und mit einer erhöhten Anspannung unterwegs, weil es hier mehr Kriminalität gibt.

Der öffentliche Nahverkehr in Berlin, das riesige U-Bahn-und-S-Bahn-Netz, die vielen vielen Buslinien, die Tramlinien, die vielen Haltestellen, die enge Taktung, die Fahrten im ICE, …all das hat mich fasziniert. Und die Fahrten im ICE habe ich genossen wie noch nie! In rasender Geschwindigkeit auf bequemen Sitzen durchs Land gefahren zu werden: welch ein erhebendes Gefühl! In Kolumbien gibt es als öffentlichen Personentransport lediglich in Medellín überirdische Metrolinien und Seilbahnen und wie überall im Land Busse. Das Busnetz ist sehr gut und auch kleine Dörfer sind so erreichbar.

Was noch besonders war für mich: Der geordnete Straßenverkehr, in dem die Fahrspuren eingehalten werden, kaum gehupt und am Zebrastreifen angehalten wird, wenn jemand die Straße überqueren möchte. Ja, auch hier gibt es Raser und Kampfradler, die rücksichtslos unterwegs sind. In Kolumbien geht es jedoch noch viel wilder, chaotischer zu, es wird ständig gehupt, gedrängelt, gerast, weder als Fußgänger*in noch auf dem Rad wird man respektiert.

Begeistert war ich von der enormen Käsevielfalt, den vielen wunderbaren Brotsorten, Laugenbrötchen, Pflaumenkuchen, Schwarzwälder Kirschtorte, Quark, Mozarella. Es war mir ein Genuss bei schönem Sonnenschein Fahrrad zu fahren, über den Winterfeldtmarkt in Schöneberg oder den Markt am Maybachufer in Kreuzberg zu bummeln, das frische Gemüse und Obst zu bestaunen, die Düfte der Essstände zu riechen, die Käseauswahl zu bestaunen, Bioprodukte und Dinkelbrote zu genießen…

Zu den Fotos in Berlin: Herumliegende Fahrräder und Briefkästen gibt es in Kolumbien nicht. Ich staune über die Käsetheke im Edeka.

Eindrücke in Medellín

Fotos, unbemerkt aufgenommen

Hundeverliebt

Glücklich mit 5 Hunden

Seit 2 Wochen hüten wir die Finca von Freunden, versorgen die 3 Katzen und kümmern uns um die 5 Hunde,die den ganzen Tag draußen auf dem großen eingezäunten Grundstück sind. Es sind 2 Welpen im Alter von 6 Monaten,das Muttertier der Rasse Cano Corso,ein weißer Boxer und ein kleiner Mischlingshund. Zu einer Finca gehören hier immer auch Hunde, die als Wachhunde dienen. Ich entdecke meine Liebe zu diesen wunderbar freundlichen und verschmusten Hündinnen. Von einem Hundetrainer lerne ich, wie man ihnen etwas beibringt. Es ist solch eine Freude, wenn sie einen begrüßen, Streicheln einfordern und eine Beziehung zu ihnen entsteht. Oxytozynausschüttungen sorgen mehrmals täglich für Glücksgefühle.

Persönliche Einblicke in Kurzform

Seit 7 Monaten lebe ich nun in der Nähe von Medellín in der Kleinstadt Caldas, bin eingetaucht in das Leben hier, eingebunden in meine Wahlfamilie, habe einen stetig wachsenden Freundes- und Bekanntenkreis und fühle mich überwiegend wohl. Ich bin hier Ausländerin, bin nach Kolumbien migriert, mache sehr viele neue Erfahrungen, lerne enorm viel dazu. Als Touristin erlebe ich mich nur partiell, wenn ich gelegentlich aufs Land reise. Heute teile ich einige Eindrücke mit Dir, kurz und knapp.

Was mich beglückt: Wenn es mir gelingt mit dem Motorrad fahrend den zahlreichen teils großen Schlaglöchern auszuweichen.

Was mich auch beglückt: Wenn ich nach dem Weg gefragt werde und Auskunft geben kann.

Was mich betrübt und traurig macht: Die große soziale Ungleichheit und Armut. Es gibt solche Prachtbauten und teure Luxusautos und soo viele arme Menschen, die am Existenzminimum leben, halb verwahrloste Obdachlose, indigene Frauen, die mit ihren Kindern auf dem Boden sitzen oder Menschen mit Behinderung, die um Geld bitten.

Was mich zufrieden macht und erfüllt: Dass ich meiner Vision folge, den Mut hatte, hierher zu ziehen, dass ich mich vielen Herausforderungen stelle, mich auf diese so andere Kultur und neue Freundschaften einlasse, mich im öffentlichen Verkehr und in Medellín immer besser zurecht finde und dass mein Spanisch immer besser wird.

Was ich herausfordernd finde: Dass ich in geselligen Runden oder wenn es laut ist oder wenn Menschen sehr schnell sprechen nicht alles verstehe. Da muss ich noch oft nachfragen oder akzeptieren, dass ich Manches eben (noch) nicht verstehe.

Was mich begeistert: Die Natur ist in den Gegenden um Medellín und Jardin herum so wunderschön tropisch grün, mit vielen blühenden Pflanzen, exotischen Vögeln in allen Farben. In anderen Artikeln kannst Du schöne Fotos sehen.

Was mich auch begeistert: Dass ich mich traue mit dem Motorrad zu fahren. Ich genieße es die Anden hinauf und hinunter zu fahren, die Gegend zu erkunden. Was auch ganz wunderbar ist: In den Erholungspausen auf meinen Touren lerne ich oft neue Menschen kennen. Es ist wirklich schön und: Ich fühle mich frei und unabhängig.

Was mich freut: Ich freue mich über meinen Mut und meine Abenteuerlust.

Was mich auch freut: Ich lerne sehr viel dazu, mache viele neue Erfahrungen, genieße meine Sabbatmonate und entwickle mich weiter.

🙂 Was beglückt oder freut Dich?

🙂 Was macht Dich zufrieden?

🙂 Wem schenkst Du heute ein Lächeln?

Kolumbien hat den Wechsel gewählt

El cambio – eine historische Veränderung steht an

Letzten Sonntag, am 19.6.2022, war die Stichwahl zwischen zwei Kandidaten, da sich im ersten Wahlgang vor drei Wochen kein Parteienbündnis mit der absoluten Mehrheit durchsetzen konnte. Der charismatische politisch linke Gustavo Petro, der in seinen 20er Jahren der Guerillagruppe M 19 angehörte, hat knapp gewonnen. Er erreichte 50,44 % und wird ab August mit dem Zusammenschluss „Pacto Histórico – Colombia Humana“ = „Historischer Pakt – Menschliches Kolumbien“ regieren. Gute 11 Millionen Menschen haben ihn gewählt. Der andere, konservative Kandidat Rodolfo Hernández erhielt 47,31 % der Stimmen. In Kolumbien leben gut 50,8 Millionen Menschen. Die Wahlbeteiligung lag bei etwa 58%, das ist die höchste seit vielen Jahren. Kolumbien hat zum ersten Mal eine linksgerichtete Regierung.

Die Reaktion meiner FreundInnen

Wir trafen uns an den Wahltagen zur „Wahlparty“ und sahen auf youtube eine Diskussion unabhängiger Journalisten, die die eintrudelnden Ergebniss kommentierten. Wir waren für einen Sieg Petros. Damit verbunden ist die Hoffnung, dass ein politischer Wechsel Vieles zum Besseren verändern wird. Der Frust über jahrzehntelange rechtskonservative Regierungen ist groß. Und in den letzten Jahren nahmen die soziale Ungleichheit, Korruption, Armut, Polizeigewalt und Kriminalität zu. Das Misstrauen in die Politik ist groß. Die Demokratie ist in Kolumbien seit längerem angeschlagen. Mir wird berichtet, dass Stimmen gekauft werden, Menschen zur Wahl eines bestimmten Kandidaten gedrängt werden. Außerdem: Politisch engagierte Menschen, soziale Führer, die für das Recht der indigenen Bevölkerung eintreten oder den multinationalen Ölkonzernen, die Raubbau an der Natur betreiben, die Stirn bieten oder die eine andere Politik fordern, werden umgebracht. Und ob bei den Wahlen überall alles rechtens zugeht ist auch fraglich. In vergangenen wahlen wurden mehrere nicht-konservative Präsidentschaftskandidaten ermordet. Allen ist klar: Politische und gesellschaftliche Veränderungen brauchen Zeit. Mal sehen, ob es der neuen Regierung gelingt, das gespaltene Land zu einen. Mal sehen, was sich in vier Jahren zum Besseren bewegen lässt.

Vizepräsidentin wird eine Frau mit afrokolumbianischen Wurzeln

Zum ersten Mal ist mit Francia Marquez eine afrokolumbianische Frau Vizepräsidentin. Sie stammt aus armen Verhältnissen aus einem Dorf an der Pazifikküste im Westen Kolumbiens. Sie ist Feministin, setzt sich u.a. für die indigene und arme Bevölkerung ein und ist engagiert im Umweltschutz. Sie erhielt vor allem in den Regionen Kolumbiens viele Stimmen, in denen Menschen afrokolumbianischer Abstammung leben. Und sie hat viele Frauen zur Wahl motiviert. Auch auf ihr ruhen viele Hoffnungen.

Deutsche Sozialdemokratie als Vorbild

Viele KolumbianerInnen hatten und haben Angst vor dem linken Parteienbündnis. Sie befürchten katastrophale Zustände mit Enteignungen, wirtschaftlichem Zusammenbruch und Armut wie im benachbarten Venezuela. Der künftige Präsident Petro versucht diese Bedenken zu zerstreuen. Er orientiere sich u.a. an der deutschen Sozialdemokratie hieß es in einem seiner Interviews. Warten wir es ab. Ich wünsche den Menschen hier in diesem wunderschönen Land so sehr, dass die soziale Ungleichhheit abnimmt, der Friedensprozess weiter vorangetrieben wird, die Korruption, Gewalt und Kriminalität weniger wird, die Armut abnimmt.

Abenteuer Motorrad fahren

Herausfordernd und schön

In Berlin war ich gerne mit meinem roten Motorroller unterwegs. Im bergigen Kolumbien mit den vielen Schotterstraßen und Schlaglöchern fährt man besser mit einem gut gefederten, geländegängigen Motorrad. Ich gewöhne mich langsam an die steilen Straßen, an Schlaglöcher, hupende, rechts und links rasant und riskant überholende Fahrzeuge, Schlaglöcher, Pferde, Menschen und Hunde auf den Straßen und übe das Fahren mit Schaltung. Mir gefällt dieses Dazulernen. Und es ist wahrlich ein Abenteuer in dieser tropischen Landschaft unterwegs zu sein. Die Ausblicke auf die Berge sind immer wieder atemberaubend schön.

Die gewaltreiche Seite Kolumbiens

Kolumbien hat eine sehr gewaltreiche Geschichte. Seit über 70 Jahren herrschen Gewalt und kriegerische Auseinandersetzungen in vielen Regionen dieses schönen Landes. 2016 wurde zwischen der Regierung und der Guerillaorganisation Farc nach jahrelangen Verhandlungen ein Friedensvertrag geschlossen. Die Hoffnung der Menschen war groß, dass die Gewalt ein Ende haben würde. Die Skepsis, dass das gelingt, war ebensogroß. Die Ernüchterung: es hat sich wenig geändert: Die Umsetzung der Entmilitarisierung und Resozialisierung der ehemaligen Guerillakämpfer stockt, Gelder werden nicht wie geplant freigegeben, Programme nicht umgesetzt, in den letzten beiden Jahren wohl auch wegen der Pandemie. Nach wie vor gibt es Gewalt und auch die rechtsgerichtete Regierung und Paramilitärs sind daran beteiligt.

Gewalt, Guerrilla, Paramilitär, Vertreibung, Korruption, Mafia, Kriminalität

Es ist undurchschaubare, komplexe Gemengelage. Sozial engagierte Menschen, die sich für ein friedvolles Gemeinwesen und die Rechte der indigenen Bevölkerung einsetzen, werden umgebracht. Allein dieses Jahr gab es über 60 Morde. Das Machtvakuum in den Gebieten, in denen die Guerrilla ihre Waffen tatsächlich abgegeben hat, haben teilweise kriminelle Gruppen genutzt. In einigen Gegenden auf dem Land gibt es mafiöse und kriminelle Strukturen, Vertreibungen und Schutzgelderpressungen. Es gibt mehrere Millionenen Binnenflüchtlinge, die nur so ihr Leben retten können. Viele Kolumbianer*innen leben im Ausland. Was für eine Realität.

Polizei- und Militärpräsenz

Im Alltag merke ich wenig von der gewaltreichen Realität in manchen Gegenden des Landes. Was auffällt: In den Städten und Dörfern gibt es relativ viel Polizeipräsenz in schusssicheren Westen. Mir suggeriert das ein gewisses Maß an Sicherheit. Öffentliche Gebäude werden von privaten Sicherheitskräften bewacht, auch Militär ist häufig präsent, teils mit furchteinflößenden Waffen. Vor allem in großen Städten bin ich achtsam unterwegs. Wenn es dunkel ist bewege ich mich alleine nur in belebten Gegenden. Wie sicher leben wir doch in Deutschland…

Demokratische Wahlen?

Ende Mai sind hier Wahlen. Die Hoffnung auf positive Veränderungen sind gering. Korruption scheint alle Parteien zu durchdringen. Der Einfluss multinationaler Konzerne ist groß. In Medellín gab es diese Woche Demonstrationen, bei denen stets die Gefahr von gewaltreichen Auseinandersetzungen besteht. Es gibt keine Tradition friedlicher Demonstrationen, auf denen auch regierungskritische Haltungen akzeptiert werden. Daher halte ich mich von Menschenansammlungen fern, zumal vor den Wahlen vor Unruhen gewarnt wird.

Umgang mit der Realität

Fast jede Familie hat jemanden aus der Familie durch eine Gewalttat verloren. Wenn ich Menschen auf die gewaltreiche Realität anspreche, zucken sie mit den Schultern und sagen, ja, das sei schlimm, aber was solle man machen. Es ist eine Mischung aus Resignation und Akzeptanz. Und: Ein Rückzug ins Private, ein Leben im Moment, im Hier und Heute nach dem Motto „Wer weiß, was morgen ist“. An den Wochenenden wird lautstark gefeiert. Ich staune immer wieder über die gute Laune und herzliche Freundlichkeit der meisten Menschen, egal ob sie arm oder reich sind.

Medellín, auf 1500m Höhe, umgeben von hohen Bergen

Über 4 Monate in Kolumbien

Kleine Bilanz

Die Zeit Sie scheint zu verfliegen. Was für ein Ausdruck. Zeit ist doch immer gleich viel da. Es ist die Frage wie wir sie erleben. Ich erlebe eine intensive Zeit, reich an neuen Erfahrungen, Erlebnissen und Eindrücken, lerne viel dazu, lerne mich besser kennen, lerne Menschen kennen, die Kultur und wie das Leben hier gelebt wird. Es ist so, wie ich schon bei der Planung meines Umzuges nach Kolumbien gedacht habe: es ist vor allem eine Reise zu mir selbst. Mit Höhen und Tiefen. Glücklichen und weniger glücklichen Momenten. Und mit einem neuen Alltag, den ich mir frei gestalten kann, da ich viel unverplante Zeit habe. Hierfür bin ich dankbar.

Krieg Dieser Krieg in der Ukraine nimmt mich sehr mit und ich fürchte mich vor einer noch größeren Eskalation. Er ist so sinnlos, bringt Tod und Leid. Er ist auch hier Thema und macht die Menschen betroffen. Ich spüre meine Ohnmacht. Was kann ich tun? Ich habe Geld für die Flüchtlingshilfe gespendet. Und ich habe beschlossen, mein Leben trotzdem weiter zu genießen, gut für mich zu sorgen und weiterhin liebevolle, friedvolle Beziehungen zu gestalten und zu pflegen.

Das Zusammenleben in der 50qm-kleinen Wohnung zu zweit ist schön und bereichernd. Ich bin ja auch deshalb hierhergezogen, weil ich zu Beginn der Pandemiezeit in Deutschland gemerkt habe, dass ich nicht mehr allein leben möchte. Wir haben die Wohnung schön weiß gestrichen, Türen einbauen lassen und ich habe mein kleines Zimmer schön eingerichtet. Und es ist auch herausfordernd, weil ich mich an die hiesigen Gegebenheiten erst anpassen musste und das Zusammenleben so manche Absprachen verlangt. Da werde ich mit meinen Eigenarten und Gewohnheiten aus jahrzehntelangem Alleinleben ganz schön konfrontiert. Auch sprachlich bin ich sehr gefordert und so manches Missverständnis galt es schon zu klären. Es lebe die Kommunikation! Ich gönne mir immer wieder Auszeiten auf dem Land im schönen Jardin, über die ich an anderer Stelle schon geschrieben habe.

Der Straßenverkehr Der Verkehr ist chaotisch und laut, als Fussgänger*in wird man selbst an den Zebrastreifen nicht beachtet. Motorräder schlängeln sich durch die Autoschlangen, überholen rechts und links auf halsbrecherische Weise. Die Busse rasen knatternd durch die Straßen, alle scheinen es eilig zu haben. Sie halten in der Stadt auf Zuruf oder Zuwinken dort, wo man ein- bzw. aussteigen möchte. Das finde ich wunderbar. Und ein paar feste Haltestellen gibt es auch. Eine Ansage im Bus, wie diese heißen, gibt es jedoch nicht. Beeindruckend sind die riesigen, lauten, furchteinflößenden Lastwagen, die über die Straßen brettern.

Freundliche Begegnungen Zwangsläufig muss ich, wenn ich alleine unterwegs bin, oft fragen und um Orientierungshilfe bitten. So manches Mal ergeben sich daraus schöne Gespräche. Mir wird dabei häufig viel Wertschätzung geschenkt, ich werde in Kolumbien willkommen geheißen. Das berührt mich immer wieder sehr. Wir Deutschen haben hier einen guten Ruf.

Freundliche Menschen Die meisten Menschen grüßen den Busfahrer beim Einsteigen und bedanken sich. Auch beim Aussteigen fehlt selten das gracias = danke. Das gefällt mir sehr. In den Berliner Bussen habe ich das danke selten gehört. Das ist schade. Denn ein Danke ist doch, genau wie ein Lächeln eine so schöne Geste und stellt eine wunderbare Verbindung zwischen Menschen her.

So viel Herzenswärme

Wohltuende Alltagsbegegnungen mit fremden Menschen

Die Menschen in Antioquia, der Region um Medellín, sind so freundlich, dass mir immer wieder das Herz aufgeht und ich mich daran erinnere, warum ich genau in dieser Gegend hier in Kolumbien lebe. Es ist so leicht ins Gespräch zu kommen und ich bin froh, dass ich gut spanisch spreche und mein Spanisch nicht zuletzt durch die Kontaktfreudigkeit der Menschen hier immer noch besser wird. Zwei Begegnungen:

  1. Spaziergang durch ein Viertel am Hang Neulich war ich in einer vereda, einem Viertel außerhalb des Ortes, alleine spazieren. Es kostete mich ein wenig Mut, alleine durch die sehr engen, steilen, verwinkelten Gassen zu gehen. Über die grob gehauenen, unebenen Betontreppen ohne Geländer stolperte ich hinunter. Die Häuser sind in den Hang gebaut, Straßen für Autos gibt es an der Stelle nicht. Zwangsläufig komme ich dicht an den sehr einfachen Häusern vorbei. Ich fühlte mich etwas als Eindringling. Da mich jedoch fast alle Menschen freundlich grüßten und mir noch einen guten Tag und Gottes Segen wünschten, ging ich voller Vertrauen weiter. Auf einer kleinen Terrasse grüßte mich ein Ehepaar, Diana und Guillermo, besonders freundlich. Ich bewunderte ihre knallrote Hauswand und wir kamen ins Gespräch und verabredeten, dass ich an ihrer Tür klopfe, wenn ich wieder hier vorbeikomme. Dies tat ich einige Wochen später, wurde aufs Herzlichste begrüßt und hocherfreut ins Haus gebeten. Diana schickte eilig einen Jungen zum Lädchen an der Ecke, damit er Joghurt und Kekse für mich kaufen solle. Die Begegnung war so herzlich, so freundlich. Diana erzählte mir, dass sie gute tamales kocht und verkauft. Das ist eine hiesige Spezialität. Gemüse und verschiedene Fleischsorten werden in Banananblätter eingewickelt gedünstet. Sie will mich mal zum Essen einladen und mit mir in den Bergen wandern. Ich bin gespannt, wie der Kontakt weitergeht.
  2. Im Bus ins Zentrum von Medellín. Ich stieg alleine in den Bus ins Zentrum von Medellín. Ziel war eine Art Baumarkt. Haltestellen gibt es kaum und wenn, dann sind sie meist namenlos. Ansagen oder Anzeigen, wo der Bus hält gibt es gar nicht. Der Bus hält, wo man aus- bzw. einsteigen möchte. Das ist sehr bequem und freundlich, wenn man weiß, wo man aussteigen muss, um zu seinem Ziel zu kommen. Das ist immer wieder aufregend und zwangsläufig muss man andere Fahrgäste oder den Busfahrer fragen. Ich habe hier tatsächlich erst sehr wenige Busfahrerinnen erlebt. Eine Frau saß bei besagter Fahrt im Bus neben mir. Ihr Mann bat den Busfahrer sie an der Puente 4 sur rauszulassen. Ich vergewisserte mich bei ihr, wo sie aussteigen wollen und erfuhr, dass wir tatsächlich dasselbe Ziel hatten und schon waren wir im angeregten Gespräch und lernten uns kennen. Die 40 minütige Fahrt verging wie im Flug. Wir tauschten Telefonnummern aus und ich bin gespannt, ob wir uns wiedersehen.

Den Deutschen wird hier, wie allen Ausländer*innen sehr viel Wertschätzung, Interesse und Offenheit entgegengebracht. Mich freut und wundert das zugleich und manchmal ist es mir fast zu viel des Guten. Viele äußern auch eine Bewunderung für Deutschland. Bewundert wird der Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg, die Schaffermentalität, der Wohlstand und die Exportstärke. Ich bin immer wieder erstaunt, dass viele Menschen hier etwas über die deutsche Geschichte wissen.

Die wenigsten Häuser sind verputzt
Es geht echt steil hinauf

Ausflug aufs Land nach Jardin

Blick auf die garucha und das schöne Dorf Jardin, 4 Busstunden von Medellín entfernt. Das ist eine antike Gondel, die einen vom Dorf auf die Höhe und zurück transportiert.
Die Gondel aus Metall, früher war sie ganz aus Holz, innen mit 2 Holzbänken.Sie fährt,wenn genug Menschen mitfahren, Fahrplan gibt’s nicht. Um 19 Uhr ist die letzte Fahrt,im Stockdunkeln rast sie unbeleuchtet mit Geklapper hinunter wie ins Nichts.
Kurzes Video von der Talfahrt

Natur pur

100 verschiedene Grüntöne. Faszinierend! Kein Wunder, denn es regnet täglich oft mehrmals. Meist ist es dabei mildwarm, um die 18-22grad, manchmal aber auch richtig kühl, so dass ich mit dickem Pullover und Wollsocken unterwegs bin. Wenn die Sonne rauskommt,was glücklicherweise auch fast täglich vorkommt,ist es richtig heiß, mit Sonnenbrandgefahr, auf 1700m Höhe sticht die Sonne ganz schön. Und beim Wandern bergauf bergab in teils noch höheren Lagen komme ich so richtig ins Schnaufen.

Heute

Heute bin ich dankbar, dass ich hier in dieser schönen Gegend sein kann. Dankbar, dass ich mir das leisten kann und erlaube.

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