Kolumbien hat den Wechsel gewählt

El cambio – eine historische Veränderung steht an

Letzten Sonntag, am 19.6.2022, war die Stichwahl zwischen zwei Kandidaten, da sich im ersten Wahlgang vor drei Wochen kein Parteienbündnis mit der absoluten Mehrheit durchsetzen konnte. Der charismatische politisch linke Gustavo Petro, der in seinen 20er Jahren der Guerillagruppe M 19 angehörte, hat knapp gewonnen. Er erreichte 50,44 % und wird ab August mit dem Zusammenschluss „Pacto Histórico – Colombia Humana“ = „Historischer Pakt – Menschliches Kolumbien“ regieren. Gute 11 Millionen Menschen haben ihn gewählt. Der andere, konservative Kandidat Rodolfo Hernández erhielt 47,31 % der Stimmen. In Kolumbien leben gut 50,8 Millionen Menschen. Die Wahlbeteiligung lag bei etwa 58%, das ist die höchste seit vielen Jahren. Kolumbien hat zum ersten Mal eine linksgerichtete Regierung.

Die Reaktion meiner FreundInnen

Wir trafen uns an den Wahltagen zur „Wahlparty“ und sahen auf youtube eine Diskussion unabhängiger Journalisten, die die eintrudelnden Ergebniss kommentierten. Wir waren für einen Sieg Petros. Damit verbunden ist die Hoffnung, dass ein politischer Wechsel Vieles zum Besseren verändern wird. Der Frust über jahrzehntelange rechtskonservative Regierungen ist groß. Und in den letzten Jahren nahmen die soziale Ungleichheit, Korruption, Armut, Polizeigewalt und Kriminalität zu. Das Misstrauen in die Politik ist groß. Die Demokratie ist in Kolumbien seit längerem angeschlagen. Mir wird berichtet, dass Stimmen gekauft werden, Menschen zur Wahl eines bestimmten Kandidaten gedrängt werden. Außerdem: Politisch engagierte Menschen, soziale Führer, die für das Recht der indigenen Bevölkerung eintreten oder den multinationalen Ölkonzernen, die Raubbau an der Natur betreiben, die Stirn bieten oder die eine andere Politik fordern, werden umgebracht. Und ob bei den Wahlen überall alles rechtens zugeht ist auch fraglich. In vergangenen wahlen wurden mehrere nicht-konservative Präsidentschaftskandidaten ermordet. Allen ist klar: Politische und gesellschaftliche Veränderungen brauchen Zeit. Mal sehen, ob es der neuen Regierung gelingt, das gespaltene Land zu einen. Mal sehen, was sich in vier Jahren zum Besseren bewegen lässt.

Vizepräsidentin wird eine Frau mit afrokolumbianischen Wurzeln

Zum ersten Mal ist mit Francia Marquez eine afrokolumbianische Frau Vizepräsidentin. Sie stammt aus armen Verhältnissen aus einem Dorf an der Pazifikküste im Westen Kolumbiens. Sie ist Feministin, setzt sich u.a. für die indigene und arme Bevölkerung ein und ist engagiert im Umweltschutz. Sie erhielt vor allem in den Regionen Kolumbiens viele Stimmen, in denen Menschen afrokolumbianischer Abstammung leben. Und sie hat viele Frauen zur Wahl motiviert. Auch auf ihr ruhen viele Hoffnungen.

Deutsche Sozialdemokratie als Vorbild

Viele KolumbianerInnen hatten und haben Angst vor dem linken Parteienbündnis. Sie befürchten katastrophale Zustände mit Enteignungen, wirtschaftlichem Zusammenbruch und Armut wie im benachbarten Venezuela. Der künftige Präsident Petro versucht diese Bedenken zu zerstreuen. Er orientiere sich u.a. an der deutschen Sozialdemokratie hieß es in einem seiner Interviews. Warten wir es ab. Ich wünsche den Menschen hier in diesem wunderschönen Land so sehr, dass die soziale Ungleichhheit abnimmt, der Friedensprozess weiter vorangetrieben wird, die Korruption, Gewalt und Kriminalität weniger wird, die Armut abnimmt.

Die gewaltreiche Seite Kolumbiens

Kolumbien hat eine sehr gewaltreiche Geschichte. Seit über 70 Jahren herrschen Gewalt und kriegerische Auseinandersetzungen in vielen Regionen dieses schönen Landes. 2016 wurde zwischen der Regierung und der Guerillaorganisation Farc nach jahrelangen Verhandlungen ein Friedensvertrag geschlossen. Die Hoffnung der Menschen war groß, dass die Gewalt ein Ende haben würde. Die Skepsis, dass das gelingt, war ebensogroß. Die Ernüchterung: es hat sich wenig geändert: Die Umsetzung der Entmilitarisierung und Resozialisierung der ehemaligen Guerillakämpfer stockt, Gelder werden nicht wie geplant freigegeben, Programme nicht umgesetzt, in den letzten beiden Jahren wohl auch wegen der Pandemie. Nach wie vor gibt es Gewalt und auch die rechtsgerichtete Regierung und Paramilitärs sind daran beteiligt.

Gewalt, Guerrilla, Paramilitär, Vertreibung, Korruption, Mafia, Kriminalität

Es ist undurchschaubare, komplexe Gemengelage. Sozial engagierte Menschen, die sich für ein friedvolles Gemeinwesen und die Rechte der indigenen Bevölkerung einsetzen, werden umgebracht. Allein dieses Jahr gab es über 60 Morde. Das Machtvakuum in den Gebieten, in denen die Guerrilla ihre Waffen tatsächlich abgegeben hat, haben teilweise kriminelle Gruppen genutzt. In einigen Gegenden auf dem Land gibt es mafiöse und kriminelle Strukturen, Vertreibungen und Schutzgelderpressungen. Es gibt mehrere Millionenen Binnenflüchtlinge, die nur so ihr Leben retten können. Viele Kolumbianer*innen leben im Ausland. Was für eine Realität.

Polizei- und Militärpräsenz

Im Alltag merke ich wenig von der gewaltreichen Realität in manchen Gegenden des Landes. Was auffällt: In den Städten und Dörfern gibt es relativ viel Polizeipräsenz in schusssicheren Westen. Mir suggeriert das ein gewisses Maß an Sicherheit. Öffentliche Gebäude werden von privaten Sicherheitskräften bewacht, auch Militär ist häufig präsent, teils mit furchteinflößenden Waffen. Vor allem in großen Städten bin ich achtsam unterwegs. Wenn es dunkel ist bewege ich mich alleine nur in belebten Gegenden. Wie sicher leben wir doch in Deutschland…

Demokratische Wahlen?

Ende Mai sind hier Wahlen. Die Hoffnung auf positive Veränderungen sind gering. Korruption scheint alle Parteien zu durchdringen. Der Einfluss multinationaler Konzerne ist groß. In Medellín gab es diese Woche Demonstrationen, bei denen stets die Gefahr von gewaltreichen Auseinandersetzungen besteht. Es gibt keine Tradition friedlicher Demonstrationen, auf denen auch regierungskritische Haltungen akzeptiert werden. Daher halte ich mich von Menschenansammlungen fern, zumal vor den Wahlen vor Unruhen gewarnt wird.

Umgang mit der Realität

Fast jede Familie hat jemanden aus der Familie durch eine Gewalttat verloren. Wenn ich Menschen auf die gewaltreiche Realität anspreche, zucken sie mit den Schultern und sagen, ja, das sei schlimm, aber was solle man machen. Es ist eine Mischung aus Resignation und Akzeptanz. Und: Ein Rückzug ins Private, ein Leben im Moment, im Hier und Heute nach dem Motto „Wer weiß, was morgen ist“. An den Wochenenden wird lautstark gefeiert. Ich staune immer wieder über die gute Laune und herzliche Freundlichkeit der meisten Menschen, egal ob sie arm oder reich sind.

Medellín, auf 1500m Höhe, umgeben von hohen Bergen