Die gewaltreiche Seite Kolumbiens

Kolumbien hat eine sehr gewaltreiche Geschichte. Seit über 70 Jahren herrschen Gewalt und kriegerische Auseinandersetzungen in vielen Regionen dieses schönen Landes. 2016 wurde zwischen der Regierung und der Guerillaorganisation Farc nach jahrelangen Verhandlungen ein Friedensvertrag geschlossen. Die Hoffnung der Menschen war groß, dass die Gewalt ein Ende haben würde. Die Skepsis, dass das gelingt, war ebensogroß. Die Ernüchterung: es hat sich wenig geändert: Die Umsetzung der Entmilitarisierung und Resozialisierung der ehemaligen Guerillakämpfer stockt, Gelder werden nicht wie geplant freigegeben, Programme nicht umgesetzt, in den letzten beiden Jahren wohl auch wegen der Pandemie. Nach wie vor gibt es Gewalt und auch die rechtsgerichtete Regierung und Paramilitärs sind daran beteiligt.

Gewalt, Guerrilla, Paramilitär, Vertreibung, Korruption, Mafia, Kriminalität

Es ist undurchschaubare, komplexe Gemengelage. Sozial engagierte Menschen, die sich für ein friedvolles Gemeinwesen und die Rechte der indigenen Bevölkerung einsetzen, werden umgebracht. Allein dieses Jahr gab es über 60 Morde. Das Machtvakuum in den Gebieten, in denen die Guerrilla ihre Waffen tatsächlich abgegeben hat, haben teilweise kriminelle Gruppen genutzt. In einigen Gegenden auf dem Land gibt es mafiöse und kriminelle Strukturen, Vertreibungen und Schutzgelderpressungen. Es gibt mehrere Millionenen Binnenflüchtlinge, die nur so ihr Leben retten können. Viele Kolumbianer*innen leben im Ausland. Was für eine Realität.

Polizei- und Militärpräsenz

Im Alltag merke ich wenig von der gewaltreichen Realität in manchen Gegenden des Landes. Was auffällt: In den Städten und Dörfern gibt es relativ viel Polizeipräsenz in schusssicheren Westen. Mir suggeriert das ein gewisses Maß an Sicherheit. Öffentliche Gebäude werden von privaten Sicherheitskräften bewacht, auch Militär ist häufig präsent, teils mit furchteinflößenden Waffen. Vor allem in großen Städten bin ich achtsam unterwegs. Wenn es dunkel ist bewege ich mich alleine nur in belebten Gegenden. Wie sicher leben wir doch in Deutschland…

Demokratische Wahlen?

Ende Mai sind hier Wahlen. Die Hoffnung auf positive Veränderungen sind gering. Korruption scheint alle Parteien zu durchdringen. Der Einfluss multinationaler Konzerne ist groß. In Medellín gab es diese Woche Demonstrationen, bei denen stets die Gefahr von gewaltreichen Auseinandersetzungen besteht. Es gibt keine Tradition friedlicher Demonstrationen, auf denen auch regierungskritische Haltungen akzeptiert werden. Daher halte ich mich von Menschenansammlungen fern, zumal vor den Wahlen vor Unruhen gewarnt wird.

Umgang mit der Realität

Fast jede Familie hat jemanden aus der Familie durch eine Gewalttat verloren. Wenn ich Menschen auf die gewaltreiche Realität anspreche, zucken sie mit den Schultern und sagen, ja, das sei schlimm, aber was solle man machen. Es ist eine Mischung aus Resignation und Akzeptanz. Und: Ein Rückzug ins Private, ein Leben im Moment, im Hier und Heute nach dem Motto „Wer weiß, was morgen ist“. An den Wochenenden wird lautstark gefeiert. Ich staune immer wieder über die gute Laune und herzliche Freundlichkeit der meisten Menschen, egal ob sie arm oder reich sind.

Medellín, auf 1500m Höhe, umgeben von hohen Bergen

Über 4 Monate in Kolumbien

Kleine Bilanz

Die Zeit Sie scheint zu verfliegen. Was für ein Ausdruck. Zeit ist doch immer gleich viel da. Es ist die Frage wie wir sie erleben. Ich erlebe eine intensive Zeit, reich an neuen Erfahrungen, Erlebnissen und Eindrücken, lerne viel dazu, lerne mich besser kennen, lerne Menschen kennen, die Kultur und wie das Leben hier gelebt wird. Es ist so, wie ich schon bei der Planung meines Umzuges nach Kolumbien gedacht habe: es ist vor allem eine Reise zu mir selbst. Mit Höhen und Tiefen. Glücklichen und weniger glücklichen Momenten. Und mit einem neuen Alltag, den ich mir frei gestalten kann, da ich viel unverplante Zeit habe. Hierfür bin ich dankbar.

Krieg Dieser Krieg in der Ukraine nimmt mich sehr mit und ich fürchte mich vor einer noch größeren Eskalation. Er ist so sinnlos, bringt Tod und Leid. Er ist auch hier Thema und macht die Menschen betroffen. Ich spüre meine Ohnmacht. Was kann ich tun? Ich habe Geld für die Flüchtlingshilfe gespendet. Und ich habe beschlossen, mein Leben trotzdem weiter zu genießen, gut für mich zu sorgen und weiterhin liebevolle, friedvolle Beziehungen zu gestalten und zu pflegen.

Das Zusammenleben in der 50qm-kleinen Wohnung zu zweit ist schön und bereichernd. Ich bin ja auch deshalb hierhergezogen, weil ich zu Beginn der Pandemiezeit in Deutschland gemerkt habe, dass ich nicht mehr allein leben möchte. Wir haben die Wohnung schön weiß gestrichen, Türen einbauen lassen und ich habe mein kleines Zimmer schön eingerichtet. Und es ist auch herausfordernd, weil ich mich an die hiesigen Gegebenheiten erst anpassen musste und das Zusammenleben so manche Absprachen verlangt. Da werde ich mit meinen Eigenarten und Gewohnheiten aus jahrzehntelangem Alleinleben ganz schön konfrontiert. Auch sprachlich bin ich sehr gefordert und so manches Missverständnis galt es schon zu klären. Es lebe die Kommunikation! Ich gönne mir immer wieder Auszeiten auf dem Land im schönen Jardin, über die ich an anderer Stelle schon geschrieben habe.

Der Straßenverkehr Der Verkehr ist chaotisch und laut, als Fussgänger*in wird man selbst an den Zebrastreifen nicht beachtet. Motorräder schlängeln sich durch die Autoschlangen, überholen rechts und links auf halsbrecherische Weise. Die Busse rasen knatternd durch die Straßen, alle scheinen es eilig zu haben. Sie halten in der Stadt auf Zuruf oder Zuwinken dort, wo man ein- bzw. aussteigen möchte. Das finde ich wunderbar. Und ein paar feste Haltestellen gibt es auch. Eine Ansage im Bus, wie diese heißen, gibt es jedoch nicht. Beeindruckend sind die riesigen, lauten, furchteinflößenden Lastwagen, die über die Straßen brettern.

Freundliche Begegnungen Zwangsläufig muss ich, wenn ich alleine unterwegs bin, oft fragen und um Orientierungshilfe bitten. So manches Mal ergeben sich daraus schöne Gespräche. Mir wird dabei häufig viel Wertschätzung geschenkt, ich werde in Kolumbien willkommen geheißen. Das berührt mich immer wieder sehr. Wir Deutschen haben hier einen guten Ruf.

Freundliche Menschen Die meisten Menschen grüßen den Busfahrer beim Einsteigen und bedanken sich. Auch beim Aussteigen fehlt selten das gracias = danke. Das gefällt mir sehr. In den Berliner Bussen habe ich das danke selten gehört. Das ist schade. Denn ein Danke ist doch, genau wie ein Lächeln eine so schöne Geste und stellt eine wunderbare Verbindung zwischen Menschen her.

El año nuevo – das Neue Jahr

Ich wünsche Dir ein Neues Jahr voller Glück, Gesundheit und Gelassenheit, sympathische 3 G fällt mir da gerade auf ; )) Und: Viel Liebe und inneren und äußeren Frieden!

Liebe und Frieden wünschen sich die Menschen hier in Kolumbien oft, nicht nur zum Neuen Jahr. Möglicherweise liegt der Wunsch nach Frieden daran, dass es hier seit Jahrzehnten kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Guerillagruppen, Paramilitärs, Mafia, Kriminellen gibt, mit vielen Opfern, Traumatisierten, Vertriebenen, Millionen von Binnenflüchtlingen und die meisten Menschen sehnen sich sicherlich nach Frieden und Sicherheit. Die Ungleichheit zwischen wenigen Reichen und vielen armen Menschen ist krass, die Armut groß. Das ist täglich sichtbar, wenn man mit offnen Augen durch die Straßen geht. Und ständig muss man an die Sicherheit denken und wie und mit wem man sich v.a. nachts draußen sicher bewegt. Wie es mir damit geht und wie ich damit versuche umzugehen, darüber werde ich einen eigenen Artikel schreiben. Zurück zu den guten Wünschen: Wer sehnt sich nicht nach Liebe? Liebe zu anderen Menschen, Liebe zu sich selbst, Liebe zur Natur, zu dem Schönen, zu dem was das eigene Leben lebenswert macht… El año nuevo, bei uns Silvester, wird mit Böllern, ausgelassenen fiestas, familiären Zusammenkünften privat, in Bars, Restaurants und auch auf den Straßen gefeiert. Es wird getanzt, sehr laut Musik gehört und teils exzessiv Alkohol getrunken. Am 1.1. bin ich am frühen Abend (um 18.30 Uhr wird es hier schnell dunkel) durch den Ort gegangen und war sehr erstaunt über die Atmosphäre in den Straßen im Zentrum: Aus den vielen Bars, Cafés und Restaurants schallte ohrenbetäubend laute spanische Musik aus riesigen Boxen, die Menschen unterhielten sich laut und temperamentvoll, viele sangen die Texte voller Inbrunst mit. Es waren bei lauem Sommerwetter viele Menschen unterwegs, flanierten durch die Gassen, grüßten einander. Mir war das laute Treiben schnell zu viel und ich war froh, dass es in unserem Wohnblock etwas entfernt vom Ortszentrum relativ ruhig war. Es wummert auch hier oft laute Musik aus der Nachbarschaft, so dass ich tief durchatmen muss und, wenn die Musik mir nicht gefällt, zu meinen Ohrstöpseln greife. Was für eine lautstarke Feierkultur. Je lauter desto Lebensfreude, so scheint es. Den Moment leben, feiern, ausgelassen sein, nach dem Motto wer weiß was morgen ist… Das Hier und Jetzt, das Zusammensein und das Leben ausgelassen feiernd. Irgendwie ist das auch beeindruckend.

Nachts leuchteten in diesen Tagen immer wieder globos am Himmel, das sind Ballons, die mit Feuer betrieben werden und hoch hinaufsteigen. Einmal sahen wir 80 – 100 am Himmel. Es sah phantastisch aus. Wir hofften sehr, dass nichts passiert, dass alle irgendwann in der Luft verbrennen und kein Feuer gelegt wird.

Geselliges Kochen über offenem Feuer

Am Neujahrstag machen die Menschen auf den Straßen vor ihren Häusern in riesigen Töpfen über Holzfeuer Sancocho. Das ist ein Eintopf, der, über Holzfeuer gekocht, besonders gut schmeckt. Diese Zutaten werden lange miteinander gekocht: Kartoffeln, Kochbananen, Hähnchenfleich, Rindfleisch, Koriander, Zwiebeln, Jukka. Dazu wird Reis, Avocado und Salat gegessen. Lecker!