
Abschied aus Kolumbien
Fast vorbei
In 12 Tagen lande ich am BER. 3,5 Jahre Leben in den Bergen Kolumbiens ist dann Geschichte. Es war einmal… eine Vision ist geplatzt. Es fing so schön an. Ich wollte dauerhaft hier in diesem wunderschönen Land leben, eingebunden in eine wunderbare, liebevolle Wahlfamilie, auf einer Finca mit Hündin und Kater, Gemüseanbau, grandioser Natur, Zitronen- und Avocadobäumen, wundervoller Aussicht…
Es kam anders
Das Zusammenleben war herausfordernder als gedacht und gehofft. Mein Körper schickte mir schmerzende Symptome, die mich zum Innehalten und Nachdenken zwangen. Ich verlor Gewicht und Kraft und erhielt während meines Arbeits- und Besuchsaufenthaltes im Dezember 2024 in Berlin die krasse Diagnose: Vasculitis, eine Autoimmunerkrankung, die unbehandelt binnen weniger Monate zum Tod führt. Das war ein Schock, eine existenzielle Erfahrung, die mich sehr mitgenommen und Vieles verändert hat. Schnell war klar: 1. Ich will leben und beste Voraussetzungen für meine Heilung schaffen. 2. Mein Körper weist mir den Weg und ich höre auf ihn. 3. Ich muss mich aufgrund der lebensnotwendigen, kostenintensiven, mehrjährigen ambulanten Behandlung in einer Spezialambulanz der Charité in Berlin wieder gesetzlich krankenversichern und remigrieren, also wieder nach Deutschland ziehen. 4. Ich will noch 5 Monate nach Kolumbien zurückkehren, allein in einer kleinen Wohnung im Haus von Freunden in derselben Gegend wie vorher leben, mich ganz meiner Heilung widmen, meine Biodanzaausbildung weitermachen, mich von diesem Lebensabschnitt und meiner Wahlfamilie, meinen Freundinnen und Freunden verabschieden, das Erlebte, das Auf und Ab meines Lebens hier verdauen.
Meine Hündin Lara, die aus Platzgründen inzwischen bei Freunden lebt, wo sie Tag und Nacht draußen sein kann, erwies sich als liebevolle, heilsame, verschmuste Therapiehündin, mit der ich viele wunderschöne Stunden verbracht habe und von der ich viel lernen konnte. Ich habe sie in den letzten Monaten oft besucht, die beiderseitige Freude beim Wiedersehen und unseren Ausflügen war jedes Mal überwältigend groß. Ich werde sie vermissen. Ein Trost ist es, dass sie dort mit anderen Hunden lebt, sich wohl fühlt, sehr gut behandelt, gepflegt, versorgt und geliebt wird.

Mit Lara auf der Kuhweide
Viel Nostalgie, ein bischen Stolz, Dankbarkeit und liebevolle Abschiede
Ich habe es gewagt nach Kolumbien zu ziehen, ein „neues Leben zu beginnen“, war mutig und abenteuerfreudig und bin froh über diese Erfahrung, wenngleich es zahlreiche schwierige Herausforderungen gab: Das interkulturelle Zusammenleben war oft konfliktreich, der lebensgefährliche Straßenverkehr und die Unsicherheit, wenn frau nachts alleine unterwegs ist, stressten mich. Die chronische Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit vieler Menschen erforderte viel Geduld. Die Gewalt, die hier herrscht, ist krass: es gibt Landvertreibungen und Millionen von Binnenflüchtlingen. Es gibt Verbrechen, die nie aufgeklärt werden, Morddrohungen, Ermordungen sowie Korruption auf allen Ebenen. Die Menschen in Kolumbien leben seit vielen Jahrzehnten mit dieser Gewalt.
Nun kehre ich demnächst trotz dieser traurigen Realität reich beschenkt, etwas nostalgisch und mit viel Selbsterkenntnis, um viele Erfahrungen reicher, zurück nach Deutschland, werde erst einmal wieder in Berlin leben, in vertrauter Umgebung, das gibt mir Halt und ein Gefühl der liebevollen Geborgenheit. Die letzten Wochen sind hier geprägt von bewegten und liebevollen Abschiedstreffen. Insbesondere der Abschied von meiner wunderbaren Biodanzaausbildungsgruppe und unseren 3 so liebevollen DirektorInnen war und ist sehr emotional. Wir haben uns 3 Jahre lang jeden Monat zwei Tage lang getroffen, um in der Biodanzaschule Rionegro https://escuelabiodanzarionegro.com/ die Ausbildung zur Biodanzaleiterin zu machen, haben in liebe- und vertrauensvollem Rahmen viel über uns selbst erfahren, uns weiter entwickelt, bestärkt, genährt, inspiriert, uns im Tanz tragen lassen von wunderbarer Musik. Ich werde sie vermissen, meine allerliebste Biodanzafamilie, die mir rauschende Abschiedsfiestas schenkt und mich mit so viel Liebe, Lebensfreude und Zuversicht nährt. Und tatata: Ich werde in Berlin eine Biodanzagruppe eröffnen und meine Biodanzaausbildung mit kolumbianischem Esprit in Berlin beenden!!!
Was mich sehr beeindruckt
- Die Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Solidarität der Menschen hier in der Region Antioquia, deren Hauptstadt Medellín ist. Das tat und tut soo gut!
- Die Menschen leben im Hier und Jetzt, akzeptieren Gegebenheiten. Sie strahlen trotz teils prekärer Arbeitsbedingungen, sichtbarer sozialer Ungleichheit und Unsicherheit, Armut häufig eine Lebensfreude aus, die ansteckend ist!
- Gott ist überall präsent: „Si dios quiere“ = „So Gott will“ ist ein geflügeltes Wort. 95% der Menschen hier sind katholisch gläubig. „Bendiciones“ = „Segnungen“ erhält man bei bei vielen Gelegenheiten: Beim Verabschieden, beim Verlassen eines Ladens oder wenn man jemand einen Gefallen getan hat. „Que dios te page“ = „Vergelts Gott, möge Gott Dich bezahlen“ ist ein Dankeschön, wenn jemand ein Geschenk erhalten oder ein gutes Geschäft gemacht hat.



Blick von meinem Balkon